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  Vortrag

Strafrecht und Strafe in den USA - amerikanischer Exzeptionalismus?

Vortrag aus der Reihe "Law and (Dis-)Order in Contemporary America" mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg

 

 

Im Juni 2009 wurde Bernhard Madoff in New York nach einem Schuldbekenntnis und einer kurzen mündlichen Anhörung von einem Bundesrichter wegen Anlagebetrugs zu 150 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Sein Entlassungsdatum, das unter www.bop.gov/inmateloc/ eingesehen werden kann, ist auf den 14. November 2139 notiert. Bei guter Führung ist allerdings eine Strafrestaussetzung bereits im Jahr 2109 möglich.

Natürlich ist dieser Fall extrem. Er verweist aber in komprimierter Weise auf verschiedene Eigenheiten des Strafrechts und der Strafpraktiken in den USA, die deutliche Kontraste zu europäischem und deutschem Strafrecht herstellen. Zunächst fällt ein Appetit auf Strafe auf, der den USA den Ruf eingetragen hat, mit inflationärem Gebrauch der Freiheitsstrafe ein weltweit beispielloses „Gefängnisexperiment“ in Gang gesetzt zu haben und immer noch zu unterhalten. Ferner gliedert sich das US-amerikanische Strafrecht in ein Bundesstrafrecht (und Bundesstrafgerichte sowie Bundesstrafvollzugsanstalten) und in das Strafrecht der (50) Einzelstaaten (und der einzelstaatlichen und lokalen Systeme des Strafvollzugs). Hieraus resultieren Kontraste wie im Bereich der Todesstrafe, die in Michigan 1847 abgeschafft wurde; auf Texas entfallen dagegen etwa 40% der 1459 in den USA seit 1976 vollstreckten Todesurteile. Hieraus resultieren Konflikte, die derzeit dazu führen, dass der in Colorado und weiteren Bundesstaaten nach Volksentscheiden legalisierte Marijuanahandel weitgehend auf Bargeldbasis betrieben wird (da das Bundesstrafrecht sowohl den medizinischen als auch den Freizeitkonsum unter Strafe stellt und Banken sich nicht dem Risiko eines Geldwäschevorwurfs aussetzen wollen). Hinzu treten Besonderheiten des Strafrechts und der Strafverfolgung, die sich aus einer teilweisen Unabhängigkeit und Selbstverwaltung indianischer Territorien ergeben. Der Madoff-Fall unterstreicht dann die verfahrensökonomische Bedeutung des Schuldeingeständnisses (und der Verständigung über die Rechtsfolgen zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft). Heute erfolgen in den USA nur noch etwa 5% aller Verurteilungen zu Strafe nach einer Geschworenenverhandlung. Schließlich ergibt sich eine andere Sicht auf den Schutz persönlicher Daten von Straftätern und Gefangenen, die (jedenfalls teilweise) öffentlich gestellt sind. Und: während der für den Madoff-Fall zuständige Bundesrichter Denny Chin vom Senat auf Lebenszeit ernannt worden ist, werden Richter und Staatsanwälte in vielen Bundesstaaten in (unterschiedlich ausgestalteten) öffentlichen Wahlen bestimmt (oder abgewählt).

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Jörg Albrecht ist Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht und Honorarprofessor der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg. Eintritt frei, Veranstaltungssprache: DeutschMit: Landeszentrale für politische Bildung, Colloquium politicum, Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht

 

 

Veranstalter:
Veranstaltungsort:
HS 1199, KG I der Universität
Beginn:
Di, 28.Nov.2017 um 20:15